"DR. FEELGOOD" WIRD 80


Feiert heute seinen 80. Geburtstag: Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt © Getty Images

Alles um ihn wird still, der Lärm von 70.000 Menschen im Stadion - abgeschaltet, Stecker gezogen. Dann wird es dunkel, auch wenn er die Augen nicht schließt und die Schweinwerfer in diesem Moment auf ihn gerichtet sind. Im grellen Licht setzt vollkommene Finsternis ein - willkommen in der Welt von Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt.

Vorhang auf, die Behandlung beginnt. Müller-Wohlfahrt befindet sich im Tunnel, er taucht ein in den Muskel, seine Finger werden zu Pupillen. Der Arzt ertastet die Faszien, sieht Unterbrechungen, kann erhöhte Spannungen wahrnehmen, kann Verquellungen spüren. Die Hände sind nun die Augen, von dort aus wird in seinem Kopf ein Bild gezeichnet, dem Müller-Wohlfahrt mehr vertraut als allem, was Kernspin- und Computertomografie abbilden können.


40.000 Muskelverletzungen hat "Mull" nach eigener Zählung diagnostiziert und behandelt. Ein paar dieser Muskeln, waren Teile von Körpern, die einem prominenten Menschen gehörten. Zu seinen Patienten zählen Bono und Bruce Springsteen, in seiner Behandlung waren Michael Jordan und Kobe Bryant, genauso Boris Becker und Katharina Witt. In der Welt der Leichtathletik hat Müller-Wohlfahrt, in seiner Jugend selber ein guter Mehrkämpfer, etliche Topstars behandelt. Von den acht Teilnehmern des 100-Meter-Endlaufs der WM 2009 in Berlin saßen fünf zuvor im Wartezimmer der Praxis von Müller-Wohlfahrt in München. Darunter Usain Bolt, für den "Mull" ein zweiter Vater wurde und der dem Arzt später unter anderem seine Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio nicht nur widmete, sondern sie ihm tatsächlich auch schenken wollte. "Der Doktor ist ein ganz, ganz großer Mann. Er ist der beste der Welt", sagte Bolt damals in Rio.

"Man fühlt sich wie ein Sieger"


Der beste Arzt der Welt, geadelt vom schnellsten Mann der Welt – es gibt Komplimente und Komplimentgeber, die eine geringere Größe haben. Wobei bei Müller-Wohlfahrt Superlative Normalität sind. Als "Dr. Radarfinger" wurde er bezeichnet, für den Boulevard war er "der Muskelflüsterer", Linford Christie gab ihm den Kosenamen, der ihm am besten gefällt: "Dr. Feelgood." Die Erklärung des Briten: Wenn man die Praxis von Müller-Wohlfahrt verlasse, fühle man sich wie ein Sieger, der Doktor schenke einem immer ein gutes Gefühl.

Und doch: In der Erzählung von Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt kann irgendetwas, irgendwie nicht stimmen. Sicher ist: Irgendwann und irgendwo muss er zur Welt gekommen sein. In den offiziellen Dokumenten ist als Geburtsort notiert: Leerhafe, Ostfriesland. Als Datum festgehalten ist der 12. August 1942. Nach den Gesetzen der Mathematik summieren sich seine Lebensjahre seither also auf 80, und das muss ja ein Fehler sein. Allgemein akzeptiert ist, dass Müller-Wohlfahrt mit den Händen sehen kann. Mindestens genauso erstaunlich ist eine zweite ihm eigene Art: Er kann die Zeit dehnen. Der natürliche Alterungsprozess ist bei Müller-Wohlfahrt ausgesetzt, wie sonst könnte bei diesem äußerlich und innerlich so jung gebliebenen Menschen tatsächlich schon eine "acht" vor der "null" geschrieben stehen?

24 Jahre lang Nationalmannschaftsarzt


Wenn Müller-Wohlfahrt nach dem Geheimnis seiner Jugend und nach Tipps für ein langes Leben in guter Gesundheit gefragt wird, dann nennt er neben guten Genen drei Faktoren: regelmäßige Bewegung, gute Ernährung und ausreichend Schlaf. In seinem Fall kann man sich zumindest darüber wundern, wie er die letzte dieser Voraussetzungen erfüllt haben will. Wenn es ein Geheimnis, eine Magie in seiner Behandlung gibt, dann ist es sein Pensum. Müller-Wohlfahrt hat geübt und geübt, hat seinen Patienten neben seinem Wissen auch seine Zeit geschenkt. Ein Beispiel: Nicht selten kam es vor, dass er nach getaner Arbeit beim Joggen die Mitternachtsglocken gehört hat. Und noch häufiger war es so, dass der Glockenschlag noch während der Arbeit an sein Ohr drang. Müller-Wohlfahrt hat sich ein Pensum zugemutet, dass der Arzt Müller-Wohlfahrt dem Patienten Müller-Wohlfahrt niemals erlaubt hätte.

24 Jahre lang war "Mull" Mannschaftsarzt der Nationalmannschaft, 40 Jahre lang war er in dieser Funktion auch für den FC Bayern tätig, zuvor war er zwei Jahre lang Team-Arzt von Hertha BSC. Bei 326 Länderspielen saß er auf der Bank und rannte mit seinen wehenden Haaren aufs Spielfeld, wenn ein Nationalspieler verletzt am Boden lag. In diesen Sekunden begann der sichtbare Teil seiner Arbeit. Und in seinem Gehirn begann das Puzzeln. Wie ist die Verletzung entstanden, wie ist der Spieler gefallen, wie hoch war die Intensität des Zusammenstoßes, welcher Belastung war die betroffene Körperstelle ausgesetzt. Und auch: welche Vorgeschichte gibt es, welche Verletzungshistorie hat der Spieler.

Müller-Wohlfahrt war sich darüber bewusst, dass seine Entscheidungen große Tragweite haben, häufig musste er binnen Sekunden darüber bestimmen, ob ein Spieler ausgewechselt werden muss oder ob er noch spielfähig ist. Nicht selten hat er damit den Ausgang von wichtigen Fußballspielen beeinflusst. Er hat dies gemocht, den Druck, das Adrenalin, er hat sich wohlgefühlt im Tunnel. In den Jahren und Jahrzehnten hat er ein Selbstvertrauen entwickelt, das einerseits auf seine Patienten ausstrahlte und Teil des Behandlungserfolges war und das ihn anderseits befähigte, so manchem ungeduldigen Trainer und Manager die Stirn zu bieten.

"Wir brauchen Dich": Fax auf Antigua


Die Familie kam zu kurz, in all den Jahren. Die Zeit mit seiner Frau, den Kindern und Enkelkindern bekommt er nicht mehr zurück. Die Entscheidungen, die er für die Karriere getroffen hat, waren nie Entscheidungen gegen die Familie. Seine Frau und seine Kinder haben verstanden, dass er ein Getriebener seiner Fähigkeiten ist, dass er nicht glücklich wird, wenn er seine Patienten im Stich lässt. Mehrfach wurde Familienrat gehalten, mehrfach einheitlich dafür votiert, dass dieses Leben und diese Intensität für ihn das Richtige sind. In der Rückschau weiß Müller-Wohlfahrt, dass es ein paar Mal dann doch zu weit ging. Dazu erzählt er gerne die Anekdote eines Urlaubs auf Antigua, einer Insel der kleinen Antillen in der Karibik. Müller-Wohlfahrt wähnte sich unerreichbar, niemand kannte den Ort, nichts sollte die Familienzeit stören. Ein paar Tage ging es gut, bis er eines Nachts vom Rascheln an der Tür geweckt wurde. Müller-Wohlfahrt erschrak. Ein Tier? Eine Gefahr? Es war ein Fax, das durch den Spalt unter der Tür geschoben wurde, der Absender: Uli Hoeneß, der Inhalt: Wir brauchen Dich, die Folge: Zwei Tage später saß Müller-Wohlfahrt auf der Bayern-Bank und die Familie ohne ihn auf der Karibik-Insel. Manchmal hat er mit seinem Pflichtgefühl gehadert, seinem Patienten hat es geholfen, ihm selbst stand es mitunter im Weg.

Müller-Wohlfahrt hat zahlreiche Auszeichnungen und Preise gewonnen, er war beteiligt an unzähligen Meisterschaften und Titeln der Nationalmannschaft und des FC Bayern. Zu seinen größten Erfolgen zählt, dass ihm vor vier Jahren der Absprung gelungen ist. Seit 2018 ist Müller-Wohlfahrt nicht mehr Arzt der Nationalmannschaft, die WM in Russland war sein letztes großes Turnier. Beim FC Bayern machte er 2020 endgültig Schluss. Er ist immer noch vielbeschäftigt, überbeschäftigt ist er nicht mehr, die Familie kommt nicht mehr zu kurz. Und so gehört zu den besten Nachrichten aus dem Hause Müller-Wohlfahrt, dass er seinen 80. Geburtstag, der es vielleicht ja doch schon ist, heute im Urlaub im Kreis seiner Familie, mit seiner Frau und mit seinen Kindern und Enkelkindern verbringt.

[sl]


 

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