ALS DER KAISER SERVUS SAGTE

Heute vor 40 Jahren bestritt der für viele größte deutsche Fußballer sein Abschiedsspiel. Franz Beckenbauer trat im Dress des Hamburger SV gegen die Nationalmannschaft an, deren Rekordspieler (103 Einsätze) er zu diesem Zeitpunkt noch war. Wichtiger als das Ergebnis auf dem Rasen waren die Einnahmen aus dem Spiel, sie mündeten in die Franz-

Beckenbauer-Stiftung.

Imago - DFB

Es war die Sensation des Fußballjahres 1980: Franz Beckenbauer, der seine Karriere eigentlich bei Cosmos New York ausklingen lassen konnte, kehrte im November in die Bundesliga zurück. 1977 hatte er den FC Bayern verlassen, nun lockte ihn Manager Günter Netzer zum größten Münchner Konkurrenten der frühen Achtziger, dem HSV. Skeptiker fragten sich, ob Beckenbauer nicht schon zu alt sei, schließlich war er schon 35. Die Fans aber waren begeistert, sie empfingen ihn mit einem Transparent: "Kaiser Franz, stoß die Bayern vom Thron!"

Das schaffte er 20 Monate später, ehe er seine Karriere mit einem offiziellen Abschiedsspiel beendete. Noch einmal war er Meister geworden, wenn er auch nur eine Nebenrolle spielte. Weshalb Sorgen und Hoffnungen bezüglich seines Comebacks gleichermaßen berechtigt waren. Aber es hatte auf alle Fälle etwas Gutes, denn es mündete in "eine der besten Entscheidung meines Lebens".

Fünfter Meistertitel zum Abschluss


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Drei Tage vor seinem Abschied bestreitet Franz Beckenbauer sein 424. und letztes Bundesligaspiel. Das Volk trauert, doch zumindest der Protagonist selbst sieht es einigermaßen entspannt. Von diversen Verletzungen (unter anderem Adduktorenriss, Nierenquetschung) geplagt, von denen er in seinen ersten 17 Profijahren weitgehend verschont geblieben ist, kommt er in seiner letzten Bundesligasaison nur noch auf zehn Einsätze und sagt demütig: "Ich bin hier nur der Notnagel". Er schiebt es auf höhere Instanzen: "Der liebe Gott hat, glaube ich, von oben was passieren lassen, was mir sagen sollte: 'Jetzt langt's, lieber Franz!'"

Sein Ansehen hat nicht gelitten, die Zuschauer verabschieden ihn bei seiner frühzeitigen Auswechslung nach 41 Minuten beim belanglosen 3:3 gegen den Karlsruher SC mit donnerndem Applaus im Hamburger Volkspark. Er geht als Meister, zum fünften Mal nach vier Titeln mit den Bayern. Der letzte bringt ihm und den Mitspielern je 30.000 Mark Prämie ein. "Jammerschade, dass dieser Mann aufhört", seufzt sein Trainer Ernst Happel.

Einmal aber darf er ihn noch betreuen, denn am 1. Juni ist an selber Stelle das Abschiedsspiel des Kaisers anberaumt – gegen die aktuelle Nationalmannschaft, die sich unter Bundestrainer Jupp Derwall auf die WM in Spanien vorbereitet. Der Deutsche Meister gegen die Nationalmannschaft, eine würdige Bühne für den letzten Auftritt des Allergrößten. Die ARD überträgt live. Nur die Hamburger ziehen nicht wie erwartet mit, das Stadion ist nur zur Hälfte gefüllt (30.000) an diesem Dienstagabend. Der kicker bemerkt: "Vielleicht hätte Beckenbauers Abschiedsspiel doch nach München gehört."

Beckenbauer wird Ehrenspielführer

Der Kaiser freut sich umso mehr über die Liveübertragung: "So können doch viel mehr Leute dieses Spiel sehen, als wenn wir ohne Fernsehen das Haus voll gehabt hätten." Fritz Walter und Uwe Seeler sind lieber vor Ort und stehen vor dem Anstoß am Mittelkreis, wo DFB-Präsident Hermann Neuberger den Kaiser zum dritten Ehrenspielführer des Verbandes ernennt. Somit sind alle Ehrenspielführer des DFB auf einem Bild. Neuberger sagt in seiner Ansprache: "Franz Beckenbauer hat sich als Vorbild von Zehntausenden um den Fußball sehr verdient gemacht."

Das Spiel ist der letzte Testkick vor der WM in Spanien, und die Nationalmannschaft denkt nicht daran, den für den HSV spielenden Beckenbauer zu beschenken. Schon nach 20 Minuten führt sie durch Karl-Heinz Rummenigge und Hansi Müller 2:0, sie "stellte keineswegs einen gefälligen Gegner dar", findet der kicker. Drei Minuten nach Wiederanpfiff unterläuft ausgerechnet Beckenbauer, nicht zum ersten Mal, ein Eigentor. Der Stadionsprecher verschweigt taktvoll den Namen des Schützen, und der Leistung des Kaisers tut es angeblich nur gut: "Dieses Missgeschick stachelte ihn nur zu noch besseren Leistungen an", analysiert der kicker.

Das letzte Tor gehört "dem Kaiser"


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Beckenbauer spielt zum Abschluss noch einmal überragend, seine Pässe kommen zentimetergenau an, auch seine Kabinettstückchen klappen wie eh und je. Kurz vor dem Spiel hat er dem kicker verraten, dass Jupp Derwall und er Anfang des Jahres übereingekommen waren, dass er mit zur WM fahren würde, wenn er in der Liga zehn Spiele am Stück bestreitet. Dazu ist es nicht gekommen, und an diesem Tag ahnt man, wie es hätte werden können in Spanien - selbst mit einem 36-jährigen Libero Beckenbauer. "Der Franz war heute der überragende Mann", sagt Meistertrainer Hennes Weisweiler, der ihn Monate zuvor noch bei Cosmos betreut hat.

Als Paul Breitner auf 4:0 fürs DFB-Team erhöht, droht der Abschied doch etwas peinlich zu werden für den Kaiser. Er selbst mag sich an den von Johan Cruyff erinnern, den die Bayern 1978 vermasselten, als sie bei Ajax Amsterdam 8:0 (!) gewannen. So weit soll es heute nicht kommen, dagegen unternimmt Beckenbauer etwas. Nach dem Anschlusstreffer von Lars Bastrup schießt Beckenbauer höchstselbst in der 83. Minute das letzte Tor des Abends, aus 18 Metern überwindet er Toni Schumacher. Endstand: 2:4. Eine Niederlage zwar zum Abschied, aber beileibe keine Blamage.

Als "Reporter" zur WM in Spanien

Nach dem Schlusspfiff von Schiedsrichter Walter Eschweiler beginnt die dritte Halbzeit. 500 geladene Gäste, darunter alle seine Ex-Trainer außer dem verhinderten Udo Lattek, und sein aus den USA eingeflogener Doppelpasspartner Gerd Müller feiern bis in die frühen Morgenstunden Abschied. Es soll ja kein endgültiger sein, jedenfalls nicht vom Fußball.

Zur WM in Spanien fährt Beckenbauer als "Reporter" und schreibt Kolumnen für die Bild, außerdem kündigt er an, seinen Trainerschein zu machen, was er sich als Jungkicker niemals hat vorstellen können. Dass er doch noch mal das Trikot anziehen wird, ahnt nicht mal er selbst, doch im Frühjahr 1983 lässt sich der Mann, der so schwer Nein sagen kann, zu einem letzten Comeback überreden. Er bestreitet noch einmal 27 Spiele in der NASL für Cosmos New York, ehe er am 12. September 1983 endgültig geht.

Herberger-Award 2022 für Beckenbauer-Stiftung


An Aufgaben mangelt es weiterhin nicht, eine ist die Förderung seiner Stiftung, die am 15. Mai 1982 offiziell gegründet und mit den Einnahmen des Abschiedsspiels von rund 800.000 Mark sozusagen aktiviert wird. Sie sind der Grundstock, Beckenbauer selbst rundet auf eine Million Mark auf. Dass er das Geld aus seinem Abschiedsspiel spendet, steht für ihn lange fest. Die Idee, Behinderten oder unschuldig in Not geratenen Menschen im Rahmen einer seinen Namen tragenden Stiftung zu helfen, stammt vom damaligen HSV-Arzt Dr. Friedrich Nottbohm, mit dem sich der Kaiser berät, als es darum geht: Wohin mit dem Geld? Die Stiftung gibt es bis heute und hat viel Gutes bewirkt, erst im März 2022 wurde sie in Berlin mit dem Sepp-Herberger-Award ausgezeichnet.

Benefizveranstaltungen wie Promispiele oder die jährlichen Golfturniere füllen ihre Kassen seit nunmehr 40 Jahren, aus denen Geld geschöpft wird für die gute Sache. Etwa, um Rentnern Treppenlifte oder Heizkosten zu bezahlen, für den Ankauf von Hörgeräten, die Finanzierung behindertengerechter Wohnungsumbauten oder um die Übernahme von OP-Kosten für Unfallopfer zu übernehmen. Einen Bezug zum Fußball müssen die Menschen, denen die Stiftungshilfe zuteil wird, nicht haben.

Beckenbauer, seine Frau Heidrun und seine Mitarbeiter prüfen jeden Antrag selbst, bis zu 2500 kommen jährlich ins Haus. Prominente wie Günter Netzer, Herbert Hainer und Dietmar Hopp sitzen im Stiftungsrat. Rund 20 Millionen Euro sind schon an Hilfsbedürftige verteilt worden seit dem Abschiedsspiel des Stifters vor 40 Jahren. Nicht ohne Stolz spricht der Mann, der Deutschland als Spieler und Trainer zum Weltmeister machte und die WM 2006 ins Land holte, von "einer der besten Entscheidungen meines Lebens." Sie ist eines Kaisers würdig.

[um]

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