Ein Handicap als Fitness-Merkmal



Im Zoo Neuwied sind sie beinahe allgegenwärtig, und auch sonst kommt man an ihnen kaum vorbei, wenn man sich in Neuwied aufhält: Der Blaue Pfau ist das Wappentier der Deichstadt. Zur Zeit stolzieren die Hähne dieser Fasanenart über die Besucherwege und präsentieren dabei ihre aktuell über einen Meter langen Schwanzfedern, die in der Sonne in den leuchtendsten Farben schillern.

„Schlag mal ein Rad!“, hört man so manchen Besucher sagen. „Das wird er bestimmt nicht tun.“ Kurator Maximilian Birkendorf zuckt mit den Schultern. „Das Rad der männlichen Pfauen gehört zum Balzritual, und die Balzzeit beginnt erst im April. Erst dann bemühen sich die farbenprächtigen Hähne, die unscheinbar braun gefärbten Weibchen zu beeindrucken.“


Er führt weiter aus: „Bei den Pfauen herrscht Damenwahl. Die Hähne müssen sich richtig ins Zeug legen und zeigen, was für tolle Kerle sie sind, um zu erreichen, dass sich die Weibchen mit ihnen paaren.“ Das macht evolutionsbiologisch durchaus Sinn: Die Weibchen verwenden viel Energie aufs Brüten und die Aufzucht der Jungen, da ist es absolut verständlich, dass sie das beste Genmaterial für ihren Nachwuchs möchten, damit dieser die größtmöglichen Überlebenschancen hat.

Und warum sind nun leuchtende, lange Oberschwanzdeckfedern ein Merkmal für gute Gene? Geht es also doch nur um Schönheit? „Aber nein“, lacht der Vogelkurator. „Man muss sich vorstellen, was diese lange, schwere und auffällige Schleppe für den Pfau im natürlichen Lebensraum, dem indischen Dschungel, bedeutet: Sie macht ihn für jeden Fressfeind weithin sichtbar, und erschwert ihm das Auffliegen in die sicheren Baumkronen. Dass er noch nicht gefressen wurde, sondern in der Balzzeit sein Rad für die Damenwelt schlagen kann, ist also ein Zeichen für eine gute Fitness. „Handicap-Prinzip“ wird das im Fachjargon genannt.“

Die Schmuckfedern der Pfauenhähne erreichen erst im Alter von ca. sechs Jahren ihre volle Länge von bis zu 1,5 Metern. Auch wenn Pfaue schon mit 2-3 Jahren geschlechtsreif sind, kommen die Männchen also für gewöhnlich erst einige Jahre später wirklich zur Fortpflanzung: Vorher entscheiden sich die Weibchen für die prächtigeren, älteren Artgenossen.

Das wunderschöne „Handicap“ leisten sich Pfauenhähne übrigens nicht dauerhaft: „Praktischerweise beginnt nach der Balzzeit die Mauser. Im Sommer werfen die Hähne also ihre langen Pfauenfedern ab, die sie nach „getaner Balz-Arbeit“ nun nicht mehr brauchen. Über den Herbst und Winter wachsen die Oberschwanzdeckfedern dann langsam wieder nach, und haben erst im Frühling wieder ihre volle Länge erreicht – rechtzeitig, um Pfauenhennen und Zoobesucher zu beeindrucken, wenn die Hochsaison beginnt.“



 

Alexandra Japes Zoo Neuwied




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