Antisemitische Vorfälle in Köln 2021


Im vergangenen Jahr wurden von der Meldestelle für antisemitische Vorfälle im NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln insgesamt 55 antisemitische Vorfälle in Köln dokumentiert. Dabei handelt es sich um zwei Angriffe, drei Bedrohungen, fünf Sachbeschädigungen, vier Massenzuschriften und 41 Vorfälle der Kategorie "verletzendes Verhalten". Zur letzten Kategorie zählen insbesondere Anfeindungen, die keinen Straftatbestand erfüllen.

Die antisemitischen Vorfälle lassen sich nach unterschiedlichen inhaltlichen Erscheinungsformen darstellen. Die meisten, etwa 40 Prozent, können dem sogenannten Post-Schoa-Antisemitismus zugeordnet werden: Dazu gehören etwa Äußerungen, die den Holocaust leugnen oder verharmlosen. Darauf folgen das "antisemitische Othering", etwa wenn Jüdinnen und Juden als fremd beziehungsweise einer Gruppe nicht zugehörig beschrieben werden, der israelbezogene Antisemitismus, zum Beispiel wenn Jüdinnen und Juden für die Politik Israels verantwortlich gemacht werden, der moderne Antisemitismus, wenn eine angebliche jüdische Weltverschwörung behauptet wird und schließlich der religiös begründete Antijudaismus, etwa wenn Jüdinnen und Juden für den Tod Jesu Christi verantwortlich gemacht werden.


Von den 55 dokumentierten Vorfällen richteten sich die antisemitische Tat oder Aussage gegen mindestens 24 Einzelpersonen sowie gegen 11 Kölner Institutionen. In Bezug auf den politischen Hintergrund der Täter*innen wurden die meisten dokumentierten Vorfälle einem rechtsextremen Hintergrund zugeordnet (12), gefolgt von verschwörungsideologischen (7), islamistischen und antiisraelischen Motiven (jeweils 3). Da sich jedoch mehr als die Hälfte der Vorfälle nicht eindeutig zuordnen lässt und die Fallzahlen insgesamt gering sind, ist die statistische Aussagekraft begrenzt. Die Frage, von welchem politischen Hintergrund die größte antisemitische Gefahr in Köln ausgeht, kann anhand dieser ersten Zahlen noch nicht beantwortet werden. Insgesamt zeigt sich aber deutlich, dass Antisemitismus auch in Köln ein milieuübergreifendes Problem darstellt, das nicht auf eine bestimmte politische Motivation reduziert werden darf. Unabhängig von der Motivation ist jeder antisemitische Vorfall immer einer zu viel" erläutert der für die Meldestelle verantwortliche Mitarbeiter Daniel Vymyslicky.


Die meisten erfassten Vorfälle ereigneten sich auf der Straße, gefolgt von jenen im Internet, in Bildungseinrichtungen und an Gedenkorten. Bereits im ersten Jahr der Erfassung wurden antisemitische Vorfälle aus acht von neun Kölner Stadtbezirken gemeldet.

Nach der Dokumentation und Auswertung antisemitischer Einzeltaten widmet sich der zweite Teil des Jahresberichts drei Analysen ausgewählter Themen:

1. Da bei etwa 25 Prozent aller im Jahr 2021 in Köln dokumentierten Vorfälle ein Bezug zur Corona-Pandemie vorlag, wird zunächst untersucht, welche Rolle Antisemitismus in der verschwörungsideologischen Szene in Köln einnimmt.

2. Da auch die Beobachtung von Demonstrationen mit antisemitischen Inhalten in Köln zu den Aufgaben der Meldestelle gehört, folgt eine Analyse antisemitischer Inhalte auf der pro-palästinensischen Demonstration vom 15. Mai 2021 auf dem Heumarkt.

3. Um auch die Perspektiven von Betroffenen von Antisemitismus sichtbar zu machen, skizziert im Anschluss eine Fallstudie den Umgang eines jungen Kölner Juden mit einem gegen ihn gerichteten antisemitischen Shitstorm im Internet.

Die im ersten Jahresbericht präsentierten Fallzahlen können nur einen begrenzten Teil der Realität abbilden. Es ist weiterhin von einer hohen Dunkelziffer auszugehen.


Oberbürgermeisterin Henriette Reker:

Die Stadt Köln steht zu ihrer Verantwortung, jeder Form von Antisemitismus entschieden entgegenzutreten. Deshalb war mir die Schaffung einer städtischen Meldestelle für antisemitische Vorfälle ein persönliches Anliegen. Der erste Jahresbericht der Meldestelle zeugt nicht nur von einer hohen Anzahl antisemitischer Vorfälle in Köln, sondern auch von vielen Kölnerinnen und Kölnern, die die Meldestelle aktiv unterstützten und sich somit für Vielfalt und Toleranz engagiert haben. Bei der Bekämpfung von Antisemitismus sind wir alle gefordert.







Dr. Michael Rado, Mitglied des Vorstandes der Synagogen-Gemeinde Köln:


Gegen jede Form von Antisemitismus muss konsequent gehandelt werden. Dazu leistet das NS-Dokumentationszentrum mit der neu eingerichteten Meldestelle für antisemitische Vorfälle bei der Fachstelle einen wesentlichen Beitrag. Vorstand, Gemeindevertretung und Gemeindemitglieder der Synagogen-Gemeinde Köln sind der Meldestelle dankbar für ihre Arbeit und wünschen ihr durchschlagenden Erfolg, damit sich Jüdinnen und Juden in Köln sicherer fühlen.

 

Stadt Köln - Amt für Presse- und ÖffentlichkeitsarbeitSabine Wotzlaw

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